Da, wo wir großgeworden sind, gehen wir irgendwann wieder hin. Erinnerungen werden dann wach. Schwache Erinnerungen wuchern, um Schärfe zu erreichen. “Damals, weißt du noch?” Aber “du” gibt es nicht mehr. Keiner ist da. Der Rest verbleibt mir und die Erkenntnis, nicht gemeinsam zu erinnern.
Es hat sich nicht viel verändert seitdem. Gebäude wurden erbaut, abgerissen, Straßen verlegt. Die Menschen hetzen noch mehr als damals ihrem Auskommen nach, materiell und auch intellektuell. In nun neuen Gebäuden mit neuen Türen, auf neuen Straßen, mit neuen Ampeln. Die Kirche wurde renoviert. Der Fischladen an der Luhebrücke ist längst wegrationalisiert. Die Luhe fließt ruhig vor sich hin wie früher. Unser Mietshaus ist abgerissen. Es gibt kein Kopfsteinpflaster mehr, und der böse alte Mann, der aus dem Hof starrte, schimpft auch längst nicht mehr. Die Hochzeit, die mich im Vorübergehen nichts anging, und der Negerkuss, den ich dort als Kind erhielt, sind längst Vergangenheit. Die Hochzeitsleute haben sich vermutlich längst vermieden, aber ich erinnere mich noch an den Negerkuss. So süß.
Schafe am Deich. Sauerampfer und das stille Brack. Die große Uhr vor unserem Haus und die Gaststätte, in der ich das Bier für Vater holte, sind nicht mehr da. Die Zeit hat sie übernommen, neue Entwicklungen, so alt. Die Schiefertafel, der Griffel, der kleine Schwamm am Tornister, die Volksschule. Das Plumpsklo wollte ich nicht abbrennen. Es hat schon sehr gestunken, im Hof. Mein Gott, war ich glücklich mit meinem ersten Pelikanfüller. Der neue Roller, dann das erste Rad. Radfahren erlernt, an der Wand entlang, die Jacke abgescheuert, Mutter hat mir eine gescheuert. Aber ich fuhr, die Balance stimmte irgendwann. Damals. Vom Munde abgespart. Das Rad. Ich habe so darauf aufgepasst. Und auf meinen ersten Ball. Den haben sie mir geklaut und ich wollte mir das Leben nehmen. Kam aber nicht dazu. Hinkefuß hat ihn geklaut. Ausgerechnet der. Derjenige, der einen Ball besaß, war der König. Alle warteten auf ihn, damit sie Fußball spielen konnten, stundenlang, bei Regen, Matsch, Eis und Schnee, im Sommer. Immer. Nun war Hinkefuß der König, anderswo.
Es hat sich verändert, das Städtchen, aber nicht für meine Erinnerungen und mich. Der Stadtpark mit der Kanone, die Tante und die Grützwurstpfanne, die Schule mit dem Milchkakaoholzverschlag, das Brack, die Schwäne, das Winterschlittschuheis auf den Feldern und die rostig angeketteten Schafe, alles noch da. In mir. 2024
P.S. Leder Rohde hat Jahrzehnte ausgehalten, der Sohn war ein Schulfreund. Das Gebäude steht noch. In der Auslage steht seit Jahren geschrieben: “Ausverkauf.”
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