30 Juli 2025

Berni

Berni ist tot. Traurig. Ich bin traurig. Traurig, weil wieder ein langjähriger Kollege gestorben ist. Ein Mensch, der mich ein Stück meines Lebens begleitet hat. Ein besonderer Kerl. Roh wollte er wirken – herzlich war er. 

Bernie, du warst ein spezieller Typ. Ich habe dich gemocht. Du bleibst mir in Erinnerung. Da strenge ich mich an. Versprochen.

Ruhe in Frieden.



I'ts my mind

Was in mir denkt, bevor ich es bemerke – ich belaste es mit mir, mit meiner Gegenwart. Lange verborgen, nun versuche ich, es aufzulösen. Nicht abtropfen zu lassen. Tilgen, ehe es in mir Form annimmt.

Mein Denken ist ein Tier, das sich nicht zähmen lässt. It’s my mind. Ich setze ihm Grenzen, messe Maß. Nicht alles darf durch mich hindurch. Ich ringe darum, zu wählen, was bleibt. Doch diese Wahl ist kein Geschenk, sondern ein unaufhörlicher Kampf um die Oberhand.

Innenwetter: aufziehende Muster, selbst gezeichnet. Wolken, die mir gehören. Farbbögen als flüchtige Versöhnung. Ich kann. Ich scheitere. Licht fällt, erlischt.

Das ist mein Sport – kein Spiel, das ich liebe, sondern Schutz, den ich mir erzwinge. Ich wünsche mir, alle Gedanken wären meine, zumindest die, die ich bewusst wähle. Doch diese Wahl ist kein Geschenk, sondern ein beständiger Kampf, ein Ringen, das gedankliche Chaos zu bändigen, bevor es mich überwältigt.

Denn wenn ich nicht wähle, entscheidet mein Gehirn für mich – überzieht mich mit Fremdem, und das Maßlose setzt sich durch. Alles, was mich beschwert, ist nicht meins, und doch spüre ich seine Last in mir.

Ich beneide jene, die den Vorhang fallen lassen können, bevor das Unheil sichtbar wird. Die den Gedankenstrom sperren, ehe er sich entfaltet.

Gegen sie bin ich ein Wicht – und weiß um den schmalen Grat: dass hinter dieser scheinbaren Souveränität oft die Egomanie wartet, die nur noch das duldet, was sich der opportunistischen Verwertbarkeit anbiedert.

Es geht nicht um schnelle Kraft, sondern um die Erkenntnis – der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstbeherrschung. Im widersprüchlichen Ringen liegt die Wahrheit; im Schwanken die Chance zur Gestaltung. Wer das Chaos nicht verleugnet, sondern ihm begegnet, bereitet sich darauf vor, es zu bändigen – nicht mit blindem Trotz, sondern mit vorsichtiger Herrschaft.

Dieser Weg ist kein Sprung, sondern ein langsames Schmieden inmitten des Konflikts. Die Kraft, die mich einst überwältigt hat, wird zur Kraft, die mich trägt. Wer das Dunkel nicht fürchtet, darf das Licht erreichen.

Diese Zwiespältigkeit ist keine Schwäche, sondern der Stoff, aus dem Tiefe entsteht. Ein Ruf an jeden Suchenden: Erkenne dich selbst im Zweifel und forme dich neu aus dem Staub deiner Zwänge.

28 Juli 2025

Wert/Schätzung

Wertschätzung – ein Wort, das nach Wärme klingt, nach Respekt, nach zugewandtem Blick. Doch was sagt es wirklich? Es behauptet, etwas über einen Menschen zu wissen, was man in Wahrheit nur zu ahnen vermag. Es unterstellt Nähe, wo in Wirklichkeit oft nur eine höfliche Distanz herrscht. Wer jemanden wertschätzt, glaubt etwas erfassen zu können, das sich dem Erfassen entzieht: den Wert eines Menschen.

Doch wie ließe sich dieser Wert bestimmen? Und nach welchen Maßstäben, in einer Welt, die Werte verschiebt wie es ihr gefällt, die Preise festsetzt, aber keinen Preis kennt für Tiefe, Zartheit, Zwiespalt? Wer kennt einen anderen je genug, um ihn zu beurteilen? Wer kennt sich selbst?

Wertschätzung ist eine Geste, vielleicht gut gemeint, aber immer verdächtig. Denn sie setzt voraus, dass ich etwas erkennen kann, das nicht messbar ist. Dass ich etwas „einschätze“, was keiner Schätzung standhält. Es bleibt ein Versuch, den anderen greifbar zu machen, ihm ein Etikett anzuhängen, das ihn ehrt und doch begrenzt.

Was wäre die Alternative? Vielleicht Schweigen. Vielleicht Präsenz. Ein Wahrnehmen ohne Urteil, ein Dasein ohne Bewertung. Vielleicht Interesse – nicht als Floskel, sondern als Bereitschaft, den anderen nicht zu verstehen, sondern ihm zu begegnen. Nur so. Ohne Maßband. Ohne Begriff.

2008

Das Handy ist aus. Bleibt heute aus. Zwei Sätze – unnahbar. Information abbestellt. Raum für Trägheit. Für Leere. Das Gehirn, faul. Kein Dauerrauschen. Kein Selektieren. Keine WhatsApp-Videos, keine Bilder, die den Intellekt beleidigen. Kein Ja, kein Nein. Ruhe.

Stummgeschaltet. Es liegt da – morgens, abends noch – auf dem Tisch. Ich schreibe diesen Text, dann klappe ich das Notebook zu. Will keine Information. Ich überlebe. Desinformiert. Bewusst. Tatsächlich.

Handy-Fasten ist Einkehr. Nicht Leistung, nicht Ziel. Nur Bereitschaft zum stillen Erleben. 2008: der Bruch. Steve Jobs hält das iPhone hoch. Seitdem: Kontrolle. Nicht durch uns – über uns. Der Spion Smartphone herrscht, beherrscht unser Leben.

27 Juli 2025

Muttersprache oder „Ich spreche Deutsch – sie verstehen nicht“


Nicht reden ist das, was geschieht. Schweigen ist das, was es bedeutet.


Ich rede mit Menschen.

Dieselbe Sprache. Deutsch. Meine, ihre Muttersprache.

Meine Meinung. Ihr Erstaunen.

Innerliches Abwinken.

Sie schützen sich – vor sich selbst, vor mir.

Sie schweigen.

Oder schlimmer:

Sie reden nicht mehr.

Nicht mit mir.

Nicht mit anderen.

Nicht mit sich.

Stille gebiert den fehlenden Mut.


Ist das gut?


Ich rede mit ihnen.

Sie verstehen mich nicht.

Ich spreche Deutsch.

Sie verstehen nicht.

So schweige auch ich.

Bestehe

I. Durch dein Leben


Bereite dich vor.

Nicht für später. Nicht für andere.

Für jetzt.

Für das, was kommt, ohne Ankündigung.

Für das, was bleibt, wenn alles andere vergeht.


Nicht reparieren.

Nicht zurechtbiegen.

Du bist kein Bruchstück.

Du bist der Widerstand gegen den Bruch.


II. Kein Maßstab


Findest du nichts – suche nicht.

Was dir fehlt, liegt vielleicht längst bereit.

So wie du bist: tragfähig.

Nicht beweisen. Nicht messen. Nicht vergleichen.

Werde nicht kleiner, nur weil du dich betrachtest.


Lass es kommen.

Lass es gehen.

Lass es sein.

Nicht alles verlangt, gehalten zu werden.


III. Der andere Anfang


Du willst nicht, was dein Vater wollte.

Das ist kein Trotz. Kein Fluch. Kein Verrat.

Es ist Ursprung.

Du atmest anders.


Du wirst sterben – spät, vielleicht früh.

Doch wenn, dann mit dir.

Nicht gegen dich.


Nicht resignieren.

Nicht verschwinden.

Nicht warten.


Nur bleiben.

Nur da sein.

Nur du.