14 Juni 2025

Bunte/Turnschuhe

Konsumieren. Sich verlieren. Trommelwirbel – und dann: Stille.

Bunte Turnschuhe heben ein Gefühl –
hoch über das Menschengewühl.

Ich bin das. Ich will das sein.
Für euch. Für mich.
Sagt mein Ich –
und lügt mich an.

Verzicht.
Leichte Gestalten
wiegen schwer:
Sie nennen sich Zuversicht.

Doch sie –
sie tragen diese Schuhe nicht.


Die Ladung muss sitzen

Die Beschäftigung mit Bedeutung ist entgleist. Sie taumelt – nicht mehr suchend, sondern hetzend. Was einmal Tiefe war, wird nun zur Oberfläche. Ein Wald, der keiner mehr sein will, Bäume, die keiner mehr sehen will. Es wird nicht mehr gepflanzt, nicht mehr gewartet. Bedeutung soll sich selbst säen, unmittelbar wachsen, digital reifen – am besten sofort.

Die Erwartung? Wirkung. Die Haltung? Handy raus. Daumen drauf. Sichtbarkeit ist alles. Die Wirkung muss stimmen, die Ladung sitzen. Follower. Folgende. Verfolgende. Zuseher in Echtzeit. Keine Spur von Nachdenken, kein Echo, das zurückkommt. Nur ein flackerndes Jetzt, das nicht verweilen will.

Der Moment hat das Momentum ersetzt. Die Erkenntnis wird zur Pose, der Diskurs zur Kulisse. Was bleibt, ist das banale Projekt, das sich als Bedeutung ausgibt, während es doch nur ein Effekt sein will. Tiefgang? Wird behauptet. Nicht gelebt.

Wir leben in einer Zeit, die ständig mit sich selbst geladen ist – überladen vielleicht. Es zählt nur noch, was zündet. Was laut ist. Was alles gleichzeitig will: Zustimmung, Empörung, Kaufkraft, Reichweite. Die Idee? Nebensache. Die Haltung? Dekor.

Vielleicht wäre es Zeit, den Wald wieder zu betreten. Auch wenn ihn niemand mehr finden will.

Antiquierter Widerspruch

So betrunken, dass ich meine Wahrheiten offenlege, bin ich selten. Ich halte lieber kunstvoll den Mund. Das ist mein neues Hobby: schweigen. Mundhalten und wenig zuhören. Schreiben ist angenehmer. Beim Schreiben widerspricht niemand. Und Widerspruch, ehrlich gesagt, ermüdet mich. Jemand ist anderer Meinung – das war einmal reizvoll. Heute nicht mehr. Ich gehe dem aus dem Weg. Halte mich raus. Das scheint der Zeitgeist zu sein. Sich nicht reiben, nicht behaupten – einfach verschwinden im Rauschen.

Die Zeit verlangt das scheinbar. Sie duldet nicht, sie fordert Zustimmung oder Stille. Widerspruch wird nicht mehr diskutiert, sondern sofort gepfiffen. Abseits, sagen sie, und aus allen möglichen Ecken pfeifen sie – die Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen dieser neuen Ordnung. Kein Ton, kein Zweifel, der nicht sofort geprüft wird, abgetastet auf Empfindlichkeit.

Kritik, früher mal ein Werkzeug der Aufklärung, ist jetzt ein Überbleibsel. Antiquiert. Misstrauisch beäugt, aus der Zeit gefallen. Man braucht sie nicht mehr, heißt es – oder schlimmer: Man hat sie verbraucht. Der neue Zeitgeist schiebt sich zwischen die Worte, formt die Menschen um. Er klammert sich an jene, die alt geworden sind und nun wieder eine neue Zeit akzeptieren sollen. Eine, die sie weder verstehen wollen noch müssen – also verlernen sie, sich zu erinnern. Und werden langsam ausradiert, während sie sich selbst zensieren.

Und ich? Ich schweige lieber. Nicht trotzig, nicht verärgert – einfach still. Weil der Lärm, der heute gemacht wird, nichts mehr sucht. Weil er sich nur noch selbst übertönt. Ich nehme nicht teil. Ich notiere. Und lasse es stehen. Und dann, werde ich gehen.

13 Juni 2025

Streune lieber

Streune umher, Meinung.

Lass dich nicht erwischen. Knüpfe flüchtige Allianzen, wo es dir gefällt – und verweigere dich, wo man dich vereinnahmen will. Das darfst du. Meinung muss heute lärmen, sonst zählt sie nicht. Wer denkt, ohne zu tönen, wirkt verdächtig. Leise ist das neue Feindbild.

Die Lauten marschieren voran, bewaffnet mit moralischer Gewissheit und der Choreografie ihrer Empörung. Ihre Meinung will nicht gehört, sondern geglaubt werden. Wer zögert, wird markiert. Wer fragt, stört. Und wer nicht mitzieht, steht im Verdacht, rechts zu blinzeln – oder schlimmer noch: selbst zu denken.

Der Meinungstod kommt nicht mit einem Knall, sondern mit einem Lächeln. Und einem Hashtag.

Sie schlagen deine Meinung nicht nieder – sie erklären sie für irrelevant. Für „nicht hilfreich“. Für „problematisch“. Wer in Frage stellt, verliert seinen Platz am Tisch.

Meinung ist zur Betriebsstörung geworden. Eine, die man duldet, wenn sie dekorativ ist – oder abschaltet, wenn sie stört. Die Mehrheit schweigt, die Minderheit inszeniert sich zur Norm. Was bleibt, ist ein unbesiedelter Raum, in dem Meinung bestenfalls geduldet wird wie ein streunender Hund: man tritt ihn nicht, aber man füttert ihn auch nicht.

Lass mal

Düstere Prognosen schleichen längst nicht mehr nur durch die Denkfabriken, sie tanzen inzwischen auf allen Kanälen. Erst tasteten sie sich schüchtern in Talkshows, dann bellten sie aus Leitartikeln. Jetzt schreien sie dir aus dem Display entgegen: Es wird schwerer, dein Leben. Härter. Knapp kalkuliert und moralisch überhöht. Du musst dich ergeben, sagen sie. Deinem Schicksal, dieser Ordnung, jenem globalen Narrativ. So sei das eben. Die Welt – diese Welt, deine Welt, deren Welt. Alles wird organisiert, eingetaktet, einbestellt.


Und während du noch überlegst, ob du Teil des Problems oder der Lösung bist, schmerzen dir schon wieder die Glieder – vom Beugen, vom Bücken, vom Brückenbauen. Immer schön anschlussfähig bleiben. Für jene, die fordern, mehr zu sein. Mehr als du. Mehr, weil sie sich in der Position wähnen, durch die Unterwerfung anderer das eigene Selbst aufzurichten. Das geht freilich nur, wenn du dich vorher klein machst. Wenn du dich duckst. Wenn du dich fügst.


Man nennt das dann Verantwortungsübernahme. Oder Gemeinsinn. Oder einfach: Fortschritt. Du darfst dir das aussuchen. Aber wehe, du sagst nein. Wehe, du stellst Fragen. Dann bist du nicht Teil der Lösung, sondern ein Störfall. Ein Querdenker, ein Bedenkenträger, ein Gestörter. Dann schießt man dich ab – rhetorisch natürlich –, macht dir die Beine weich, zieht dir die moralische Legitimation unterm Stuhl weg. Weil: hier wird gesagt und getan, was wir wollen. Ich will. Und du – du darfst applaudieren.


Oder du lässt das mal.

Noch

Die eigene Meinung – ach, welch anmaßender Luxus im Zeitalter des betreuten Denkens! Einfach so, ohne Begleitformular und Triggerwarnung, ins gesellschaftliche Spektrum geschleudert – wie unzumutbar! „Schaut her“, ruft da einer, „ich bin nicht wie ihr!“ Und schon rattert das große Kategorisierungswerk. Passt er zur Mehrheit? Nein? Dann bitte: isolieren, etikettieren, abschießen.


Denn wer sich nicht an das hält, was einst als alternativlos geadelt wurde – diese sakrale Formel unserer Gegenwart –, der ist gefährlich. Nicht, weil er recht hat, sondern weil er stört. Und Störung ist das neue Verbrechen.


Natürlich duldet man solche Figuren nicht. Man stellt sich mit moralisch blitzblank geputzter Rüstung „voran an die Front“ und schießt – ausnahmslos. Auf Argumente, auf Töne, auf Zwischentöne. Alles muss weg, was nicht vorher in der Filterblase weichgespült wurde.


„Hier“, sagt man dann, „wird gesagt, was wir sagen dürfen. Was ich sage.“ Und ich? Nun, ich lasse mich von dieser choreografierten Empörung nicht beeindrucken. Ich werfe meine Meinung wie ein als Heuchler ertappter Reisender ins Publikum und genieße das Echo. Weil ich darf. Noch.

Die Krönung

Es gibt diese Tage, da kommt man sich vor wie der Zeremonienmeister seines eigenen Lebens. Man steht da, legt sich selbst einen Kranz aufs Haupt, weil niemand sonst es tun wird – nicht aus Trotz, nicht aus Eitelkeit, sondern aus einer gewissen Notwendigkeit heraus. Ich habe begonnen, mein Leben zu krönen. Nicht mit Gold. Nicht mit Glanz. Mit Vielfältigem.


Es ist meine Art, mit dem Unfertigen umzugehen. Zumindest zwinge ich mich dazu. Selten. Immer öfter. Ohne die anderen zu verhöhnen, ohne mich mit ihnen zu versöhnen. Ich bin nicht auf der Suche nach Einigkeit, nicht nach Zustimmung. Ich suche den Raum, in dem man weder sich selbst verrät noch die Welt beklatscht, weil das gerade so üblich ist.


Was mein Leben mir aufzwingen will, lehne ich nicht aggressiv ab – aber ich nehme es auch nicht widerspruchslos hin. Man kann zulassen oder nicht. Man kann sich auf einen Weg begeben, von dem man denkt, man habe ihn gewählt – bis man merkt: Die Richtung war von Anfang an vorgezeichnet. Weil man so erzogen wurde. Weil die Gesellschaft das erwartet. Weil man dazugehören will, ohne zu wissen, wozu eigentlich.


Ich warte nicht auf ein Amt, nicht auf eine Krone im herkömmlichen Sinn. Ich bin weder König von Deutschland noch Kaiser von Europa. Ich kröne etwas anderes: meine Bereitschaft, durchzuhalten. Meinen leisen Widerstand gegen das Immer-mitmachen. Mein seltenes, aber bewusstes Mitgehen – wenn ich es mit mir vereinbaren kann.


Vielleicht ist das eine Form von Würde in einer Zeit, die das Private politisiert und das Politische personalisiert. Vielleicht ist es bloß eine Geste. Aber sie gehört mir.