So betrunken, dass ich meine Wahrheiten offenlege, bin ich selten. Ich halte lieber kunstvoll den Mund. Das ist mein neues Hobby: schweigen. Mundhalten und wenig zuhören. Schreiben ist angenehmer. Beim Schreiben widerspricht niemand. Und Widerspruch, ehrlich gesagt, ermüdet mich. Jemand ist anderer Meinung – das war einmal reizvoll. Heute nicht mehr. Ich gehe dem aus dem Weg. Halte mich raus. Das scheint der Zeitgeist zu sein. Sich nicht reiben, nicht behaupten – einfach verschwinden im Rauschen.
Die Zeit verlangt das scheinbar. Sie duldet nicht, sie fordert Zustimmung oder Stille. Widerspruch wird nicht mehr diskutiert, sondern sofort gepfiffen. Abseits, sagen sie, und aus allen möglichen Ecken pfeifen sie – die Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen dieser neuen Ordnung. Kein Ton, kein Zweifel, der nicht sofort geprüft wird, abgetastet auf Empfindlichkeit.
Kritik, früher mal ein Werkzeug der Aufklärung, ist jetzt ein Überbleibsel. Antiquiert. Misstrauisch beäugt, aus der Zeit gefallen. Man braucht sie nicht mehr, heißt es – oder schlimmer: Man hat sie verbraucht. Der neue Zeitgeist schiebt sich zwischen die Worte, formt die Menschen um. Er klammert sich an jene, die alt geworden sind und nun wieder eine neue Zeit akzeptieren sollen. Eine, die sie weder verstehen wollen noch müssen – also verlernen sie, sich zu erinnern. Und werden langsam ausradiert, während sie sich selbst zensieren.
Und ich? Ich schweige lieber. Nicht trotzig, nicht verärgert – einfach still. Weil der Lärm, der heute gemacht wird, nichts mehr sucht. Weil er sich nur noch selbst übertönt. Ich nehme nicht teil. Ich notiere. Und lasse es stehen. Und dann, werde ich gehen.