13 Juni 2025

Streune lieber

Streune umher, Meinung.

Lass dich nicht erwischen. Knüpfe flüchtige Allianzen, wo es dir gefällt – und verweigere dich, wo man dich vereinnahmen will. Das darfst du. Meinung muss heute lärmen, sonst zählt sie nicht. Wer denkt, ohne zu tönen, wirkt verdächtig. Leise ist das neue Feindbild.

Die Lauten marschieren voran, bewaffnet mit moralischer Gewissheit und der Choreografie ihrer Empörung. Ihre Meinung will nicht gehört, sondern geglaubt werden. Wer zögert, wird markiert. Wer fragt, stört. Und wer nicht mitzieht, steht im Verdacht, rechts zu blinzeln – oder schlimmer noch: selbst zu denken.

Der Meinungstod kommt nicht mit einem Knall, sondern mit einem Lächeln. Und einem Hashtag.

Sie schlagen deine Meinung nicht nieder – sie erklären sie für irrelevant. Für „nicht hilfreich“. Für „problematisch“. Wer in Frage stellt, verliert seinen Platz am Tisch.

Meinung ist zur Betriebsstörung geworden. Eine, die man duldet, wenn sie dekorativ ist – oder abschaltet, wenn sie stört. Die Mehrheit schweigt, die Minderheit inszeniert sich zur Norm. Was bleibt, ist ein unbesiedelter Raum, in dem Meinung bestenfalls geduldet wird wie ein streunender Hund: man tritt ihn nicht, aber man füttert ihn auch nicht.

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