Du schiebst dich durch Menschenmengen, nimmst die roten und grünen Ampeln wahr, die deinen Weg dimmen. Du kannst nicht alle Menschen beachten, die dir begegnen – auf der Straße, im Leben. Das bewirkt die rote Ampel, die dich zum Stehenbleiben zwingt.
Sie bevorzugt den anderen Verkehr, stoppt dich und lässt dich innehalten. Du blickst um dich, gleichgesinnte Gesichter, die ebenfalls anhalten.
Du schaust dich um, lokalisiert deinen kurzen Gewinn an Erfahrung, indem du in Gesichter schaust und die Menschen wertest. Unbewusst, flüchtig.
Du vergisst sofort, wenn die Ampel auf grün springt und alle das tun, was auch du tust – die Straße überqueren. Doch nur deshalb, weil der Knopf gedrückt wurde, der den Zeitzyklus zwischen Rot und Grün bestimmt. Wäre er nicht gedrückt worden, später...?
Die Momente des Innehaltens mit fremden Menschen, diese scheinbare Stimmigkeit, diese Gemeinsamkeit, sind nur der Nebenschauplatz. Einige laufen auch bei gelb, rot weiter, das Bild wird unscharf, die, die bei rot stehen bleiben, agieren unbewusst im Rhythmus der Straße, der Routine.
Die anderen – die weiterlaufen – scheinen nicht wahrzunehmen, dass die rote Ampel auch eine Gelegenheit bietet, sich Zeit zu geben. Einen Moment, den sie nicht annehmen, weil sie sich in der Hektik verlieren, den Moment, den sie jetzt verpassen, als sie entschieden haben, einfach weiterzugehen, um vorne zu sein.
Der Moment bleibt, kurz, flüchtig. Doch er ist vorbei, kaum dass er begonnen hat. Die Ampel springt auf Grün, und die Hektik, die einen Moment lang abflachte, schwingt sich wieder auf.
Der Fluss der Menschen setzt sich fort, als wäre der Augenblick nie da gewesen. Und doch, irgendwo im Hintergrund, bleibt der kurze Halt, der nur ein winziger Bruch im stetigen Strom der Bewegung war.
Verfasst am 26.November2024
P.S.: Ein Schelm, wer – rein hypothetisch – diesen Text als eine subtile Reflexion über den Umgang mit kollektiven Richtlinien und den Widerstand gegen deren Einhaltung verstehen möchte. Aber wer will schon solch tiefgehende Verbindungen zwischen der Farbigkeit von Ampeln und der Gestaltung unserer sozialen Ordnung ziehen? Letztlich bleibt es wohl dem Leser überlassen, ob er diesen Text eher als Beobachtung von Straßenphänomenen oder als metaphorischen Kommentar zur aktuellen politischen Dynamik auffasst.
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