26 Juli 2025

Angenommene/Annahme

Eine Annahme ist der Versuch, dem Nichtwissen eine Form zu geben. Sie speist sich aus Mustern – übernommen, beobachtet, erfahren, errechnet oder gefühlt.

Doch in dem Moment, in dem ich annehme, dass meine Annahme falsch sein könnte, untergrabe ich die Voraussetzung, auf der sie beruht: die Überzeugung, dass ich Grund habe, anzunehmen, was ich annehme. 

Oder vereinfacht: Die Annahme, dass diese Annahme falsch sein könnte, steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass ich annehme, das Richtige anzunehmen.

So bleibt die Annahme ein Paradoxon im Kleid der Logik – ein Glaube mit dem Anspruch, kein Glaube zu sein.

Quälender/Rhytmus

Mit tiefem innerem Rhythmus nehme ich zur Kenntnis, was mir auferlegt ist – nicht als Gabe, nicht als Vorzug, sondern als unablässige Reizung, getarnt als Möglichkeit. Was anderen fehlt, wird mir zugemutet. Ein Rhythmus, der sich aufdrängt, pulsierend wie ein Stakkato aus ungereimt bereitgestellten Ereignissen: zusammengestellt und zur Aufarbeitung bestimmt. 

Mich hat man dabei berücksichtigt. Gnadenlos. Als wäre ich derjenige, der geläutert werden müsste. Intellektuelle Umwege wurden mir zur Verfügung gestellt, gegen die ich mich nur schwer wehren kann – ganz gleich, was ich versuche.

Ich soll Bruchstücke zusammensetzen, sagt meine mir aufgezwungene Verantwortlichkeit. Ornamente herstellen, aus flüchtigen Einflüssen, die ich nicht allein bestimmen darf. Denn wenn ich sie bestimmen dürfte, würde ich mich wehren. Ablehnen. Ruhe einfordern.

Doch diese wird mir nicht gewährt. Nicht unvermittelt, sondern pausenlos prügeln Fragmente des von mir Unvorhersehbaren auf mich ein. Sie wollen geordnet werden, eingenortet in das, was die Gesellschaft sich als Wert bereitstellt – immer wieder neu.

Ich will das nicht, doch das Wegspülen von fordernden Gedanken funktioniert nicht – Tag und Nacht. Und doch hat das alles kein Gewicht, wird nicht mal registriert.

So werde ich schnell abgefangen, sobald ich verzichten will, sobald ich das ständige Einordnen negieren möchte. Wer auch immer es ist – er lässt es nicht zu.

Unruhe müsste gezähmt, Wichtigkeiten müssten nicht dringend von mir benannt werden. Es ist wie eine eigene Medienlandschaft, die keine Klicks und Likes braucht, aber verlangt, dass ich polarisiere, publiziere.

Nein, das ist nicht eitel. Es ist ein Gedanke zur eigenen Sicherheit hin – zum Ablauf. Zum ablaufenden Fluss fremder und eigener Gedanken, als Mischmasch, der von mir nach außen gedrängt wird, weil ich das als notwendig empfinde. Nicht freiwillig, nicht aus Zustimmung, sondern weil es kein Rückzugsrecht mehr gibt.

Innerer/Horizont

Die Küste, einst Vertrautheit, wird zur Metapher für das Unerreichbare. Keine Berge, die den Blick versperren, doch der Horizont bleibt fern – nicht als Ziel, sondern als Ahnung eines Ortes, der nicht betreten werden will.

Er ist kein statischer Abschluss, sondern ein Raum des Schweigens zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Das Meer zeigt uns diese Grenze: Der Fußweg endet dort, wo Wasser sich in Weite auflöst, ungreifbar und ewig verschoben.

Gleichzeitig flimmert der Horizont in der Wüste – ein Spiel aus Licht und Täuschung, ein Spiegel dessen, was sich dem Griff entzieht. Diese doppelte Gestalt des Horizonts spiegelt unser innerstes Denken: Der innere Horizont, eine Grenze, die nicht umrissen, nicht festgehalten werden kann.

Er steht für das Andere im Eigenen, für das, was wir nicht greifen dürfen, das Fremde in uns selbst. Eine Spannung zwischen Annäherung und Abwehr, zwischen Erkenntnis und Verweigerung.

Diese verlorene Erkenntnis des Möglichen und Unmöglichen, die wir einst kannten, verblasst. Doch sie ruft zurück – nicht als klare Botschaft, sondern als fragmentarischer Impuls, der das Denken zwingt, sich neu zu ordnen.

Der Horizont fordert keine Antwort, er verweigert sie. Er ist kein Ziel, sondern ein ewiger Prozess, ein sich stetig verschiebendes Schweigen, das unser Dasein strukturiert.

Es ist ein Raum der Unruhe und der Reflexion, ein Spiegel, der uns zurückwirft, ohne uns zu fassen. Der Horizont als Frage, die bleibt – und doch bewegt.

Ambivalenter/Anruf

Klingel ruhig durch, wenn du musst, wenn dich etwas drängt, wenn du meinst, dass es mich braucht. Ich bin unterwegs im Kopf, beim Umkreisen der Dinge, beim Durchdringen, das nicht weiterführt, beim Flüstern, das sich selbst nicht hört.

Ich will nicht absagen, nicht zusagen, nicht entscheiden, nicht das eine und auch nicht das andere – ich lasse das Dazwischen offen, wie eine Tür, die nie ganz schließt.

Vielleicht fahre ich zur Straußenfarm, vielleicht auch nur bis zur Ampel und wieder zurück. Vielleicht bleib ich einfach liegen, unbewegt, doch durchzogen von einer inneren Spannung, die sich allem Zugriff entzieht.

Die Lust fehlt dir vermutlich, oder der Anlass, oder beides, mir auch. Du rufst nicht an. Ich könnte nicht, ich wollte nicht – sage ich mir.

Und irgendwo liegt etwas – ein Rest von Absicht vielleicht, eine Bewegung, die nie zu Ende geführt wurde. Verstreut zwischen Schatten und Staub, verhangen im Rauschen einer Welt, die über sich selbst hinweggeht.

Neben der Mülltüte das Handy, stumm wie ein vergessener Gedanke. Und plötzlich – wie aus dem Nichts – etwas wie ein Impuls, kaum greifbar, kaum wahrgenommen, ein Aufblitzen, das sich nicht einordnet. Kein Anruf, kein Name. Nur ein Flackern im Rauschen. Und ich horche – als hätte jemand meinen Namen gedacht.

25 Juli 2025

Verstimmte/Klingel

Erklärungen will keiner hören. Nicht von anderen Menschen. Dieser Blog beweist das. Neugierde treibt an. Mehr nicht. Was hat er jetzt schon wieder geschrieben? Der nicht vorhandene Ruf wird ramponiert, ruiniert, je mehr man sich exponiert. Die Punkerkneipe ist besser. Eine Pulle Wodka vielleicht. Heute – jetzt – kapiere ich wieder nichts.

Wenn ich mein Leben neu beginnen könnte, würde ich früher einsehen, was für ein Trottel ich bin. Ich würde rechtzeitig begreifen, welcher schnöselige Zigarettenschnorrer mich umschleicht und mich in dieses Leben drängt. Ich würde kapieren – vielleicht –, dass nichts trägt. Nicht weiter. Je mehr ich spreche, schreibe, desto mehr flackert das Licht, das keiner angemacht hat.

Ich würde mich rechtzeitig von mir trennen. Ich wünschte mir dann: nichts. Ich würde nachts nach Indien fahren. Als Baghwan einen Harem gründen und die Liebe verbalisieren, bis es dann wirklich alle kapieren. Wenn alle gleich sind, wäre ich anders. Als Sadhu himself. Einfacher, glänzender verpackt. Aber reich beschenkt mit den Unwegbarkeiten meiner Struktur – ich würde erkennend leben, rund um die Uhr.

Pizza wäre das Verbindungsglied, und wer sich verbindet, betritt mein Gebiet. Oder ich wäre ein Möbelstück, ganz real: ein Lastwagenlastenregal. 

Alle meine Träume treten an gegen das, was ist. Sie verlieren. Immer. Deshalb: gebärt mich neu. Meine Freunde sind die Zeit und die Bereitschaft zur ergiebigen Kraft. 

Ich als Comicheld mit dem Zaubertrank, gebraut im Labor der urbanen Abstinenz. Ein Absint, der mich straucheln lässt. Und dann mein Dudelsack – den spiele ich nachts um vier. Bei dir. Klänge für die hinteren Ränge.

Die Hantel, mein Zauberstab, liegt längst in der Ecke. Den erhebe ich nicht mehr. Keine gebrauchte Religion. Weg damit, denn was bringt uns das schon?

Und wäre mein Leben dann zu Ende, die Leiter hin zum Himmelstor. Verstimmte Klingel.

24 Juli 2025

U n b e w i e s e n

„Die unbewiesene Überlebenskunst selbsternannter Mehrmenschen zeigt, wie subjektive Wahrnehmung dem noch zu definierenden objektiven Blick der Normalos entgleitet, wenn diese nicht fähig oder bereit sind, sich auf deren Niveau einzulassen. So verhindert die dominante Argumentationslinie der Mehrmenschen eine eigenständige Einschätzung der Normalos und sichert ihre gesellschaftliche Überlegenheit.“

Vom Glanz der Zähmung oder der Rohdiamant und das Wildpferd

Nicht alles, was glänzt, ist kostbar – und nicht alles, was kostbar ist, will glänzen. In einer Welt, die Sichtbarkeit mit Wert verwechselt, geraten jene in Vergessenheit, die sich der Zähmung widersetzen. Ein Text über das Unverfügbare.

Was sich fügt, verliert. Glanz ist das Ergebnis von Schleifung – und Geschliffenes ist eine Entscheidung gegen das Unverfügbare. Der Rohdiamant, das Wildpferd: Sie tragen Wert, weil sie sich entziehen. Nicht, weil sie selten sind, sondern weil sie nicht mitspielen.

Wer zähmt, löscht den Widerstand. Wer ordnet, beendet das Offene. Der Preis ist Stille. Kein Rätsel mehr, kein Trotz, kein Moment des Staunens. Nur Glanz, nur Form, nur Führung.

Vielleicht liegt im Ungefügten der letzte Sinn. Nicht weil es sich beweist, sondern weil es bleibt – unangepasst, ungezählt, ungebrochen.

23 Juli 2025

Meine/Blechtrommel

Die Blechtrommel von Günter Grass ist längst mehr als Literatur. Sie ist ein Symbol des Widerstands, der Unbequemlichkeit, der Erinnerung. In einer Welt, die im digitalen Rausch das Wesentliche verlernt, braucht es neue Trommler – und laute Pfeifen.


Ich trommle. Tag und Nacht. Günter Grass hat sie mir gegeben – die innere Blechtrommel. Sie liegt nicht still, wenn die Welt beginnt zu verdrängen. Ich trommle auf das, was liegenbleibt: auf die Heuchelei, das Mitläufertum, das abgestellte Gewissen. Und ich pfeife. Mit einer Trillerpfeife. Hart, schrill, unangenehm. Gegen das Wegsehen. Gegen das Sich-Abfinden.


Ich schweige nicht, wenn Werte verdunsten, wenn Menschenrechte verhandelbar erscheinen, wenn Geschichte sich leise zurückmeldet. Ich trommle gegen den Krieg und pfeife die Gleichgültigkeit ab. Ich trommle das Nachdenken herbei. Langsam, aber hörbar. Vielleicht entsteht so ein neuer Takt. Ein menschlicher. Ein aufmerksamer.


Und wenn Wachheit keine Anstrengung mehr bedeutet, wenn Empathie wieder Raum gewinnt – dann, vielleicht dann, pfeife ich ein Lied.


Bis dahin trommle ich.

21 Juli 2025

Wahrheit stört

Der Tod kommt nicht. Er ist. Alles andere ist Erzählung. Beruhigung. Man schweigt darüber, nicht weil man nichts weiß, sondern weil man nichts wissen will.


Man funktioniert. Schiebt Gedanken beiseite. Bucht Urlaube, schreibt To-do-Listen, redet von Projekten. Man nennt es Leben.


Individualität – das große Narrativ. Jeder meint, etwas Eigenes zu sein. Dabei sind es nur Varianten. Vorlagen. Wiederholungen. Die Ängste sind identisch. Die Hoffnungen austauschbar. Die Geschichten ähneln sich.


Der Mensch als Kopie seiner Zeit. Das Leben als strukturierter Ablauf. Was nicht passt, wird passend gemacht. Was stört, verdrängt.


Und wenn man darüber schreibt, dann bitte gefällig. Hell. Hoffnungsvoll. Teilbar.


Denn die Wahrheit hat keinen Marktwert.


Tote lesen nicht. Lebende selten das, was sie betrifft. Also weiter. Weiterreden. Weiterlaufen. Weiterleben.


Bis nichts mehr weitergeht.