Wertschätzung – ein Wort, das nach Wärme klingt, nach Respekt, nach zugewandtem Blick. Doch was sagt es wirklich? Es behauptet, etwas über einen Menschen zu wissen, was man in Wahrheit nur zu ahnen vermag. Es unterstellt Nähe, wo in Wirklichkeit oft nur eine höfliche Distanz herrscht. Wer jemanden wertschätzt, glaubt etwas erfassen zu können, das sich dem Erfassen entzieht: den Wert eines Menschen.
Doch wie ließe sich dieser Wert bestimmen? Und nach welchen Maßstäben, in einer Welt, die Werte verschiebt wie es ihr gefällt, die Preise festsetzt, aber keinen Preis kennt für Tiefe, Zartheit, Zwiespalt? Wer kennt einen anderen je genug, um ihn zu beurteilen? Wer kennt sich selbst?
Wertschätzung ist eine Geste, vielleicht gut gemeint, aber immer verdächtig. Denn sie setzt voraus, dass ich etwas erkennen kann, das nicht messbar ist. Dass ich etwas „einschätze“, was keiner Schätzung standhält. Es bleibt ein Versuch, den anderen greifbar zu machen, ihm ein Etikett anzuhängen, das ihn ehrt und doch begrenzt.
Was wäre die Alternative? Vielleicht Schweigen. Vielleicht Präsenz. Ein Wahrnehmen ohne Urteil, ein Dasein ohne Bewertung. Vielleicht Interesse – nicht als Floskel, sondern als Bereitschaft, den anderen nicht zu verstehen, sondern ihm zu begegnen. Nur so. Ohne Maßband. Ohne Begriff.
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