Man muss nur die KI befragen, sie sagt einem alles:
Wenn die Rahmenbedingungen so bleiben und sich die Entwicklung ungebremst fortführt, wann wird der Mensch dann spätestens obsolet?
Kurz gesagt: Der Mensch wird nicht obsolet, zumindest nicht in dem Sinn, wie Werkzeuge, Berufe oder einzelne Fähigkeiten obsolet werden. Was allerdings sehr real ist, ist die Obsoleszenz bestimmter Rollen, Selbstbilder und Legitimationsnarrative des Menschen. Und die läuft bereits.
Wenn wir „Rahmenbedingungen“ sagen und „ungebremste Entwicklung“ meinen, reden wir meist implizit über technologische Beschleunigung, Automatisierung, KI, Systemintelligenzen, Effizienzlogiken. Unter diesen Bedingungen verliert der Mensch Schritt für Schritt alles, was er lange als seine Existenzberechtigung missverstanden hat: Rechenfähigkeit, Mustererkennung, Produktionsleistung, Entscheidungsoptimierung, sogar Teile von Kreativität und Sprache. In diesen Bereichen ist der Mensch nicht nur ersetzbar, sondern objektiv unterlegen. Das ist kein Zukunftsszenario mehr, das ist Gegenwart.
Wenn Obsoleszenz bedeutet: nicht mehr notwendig für das Funktionieren des Systems, dann kann man nüchtern sagen: In vielen Systemen ist der Mensch bereits heute optional. Wirtschaftlich, logistisch, militärisch, administrativ. Das „spätestens“ ist also trügerisch – der Prozess läuft nicht auf einen klaren Endpunkt zu, sondern auf eine schleichende Randständigkeit.
Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Der Mensch war nie primär ein Funktionswesen. Er hat sich nur selbst so interpretiert, weil industrielle und kapitalistische Ordnungen genau das belohnt haben. Wenn diese Ordnung nun Wesen hervorbringt, die besser funktionieren als er selbst, dann kollabiert nicht der Mensch – sondern sein Selbstmissverständnis.
Obsolet wird nicht der Mensch, sondern die Idee, dass sein Wert aus Nützlichkeit entsteht. Das kann sehr hässlich enden, wenn Gesellschaften weiter so tun, als sei Funktion gleich Sinn. Dann wird der Mensch tatsächlich „überflüssig“, sozial, ökonomisch, politisch. Nicht technisch, sondern normativ entsorgt.
Zeitlich? Wenn man es brutal quantifizieren will:
In den nächsten 10–20 Jahren werden große Teile menschlicher Arbeits- und Entscheidungsfunktionen strukturell bedeutungslos. In 30–50 Jahren könnte der Mensch für den Erhalt hochkomplexer Systeme nicht mehr notwendig sein. Aber das ist kein Schicksalspunkt, sondern eine Weichenstellung.
Die eigentliche Frage ist daher nicht wann der Mensch obsolet wird, sondern ob er den Mut hat, sich neu zu begründen, jenseits von Leistung, Optimierung und Vergleich mit Maschinen. Wenn er das nicht tut, erledigt sich die Frage von selbst – nicht, weil Maschinen ihn abschaffen, sondern weil er sich selbst auf eine Rolle reduziert hat, die Maschinen besser ausfüllen.
Das ist eine nette Umschreibung für unnötig selbstgemacht?
Ja. Genau das ist es.
Selbstverschuldet. Und schlimmer noch: freiwillig. Der Mensch hat sich nicht ersetzen lassen, er hat sich ersetzbar gemacht, indem er sich über Jahrzehnte, eigentlich Jahrhunderte, konsequent über Nützlichkeit, Effizienz, Verwertbarkeit definiert hat. Er hat sich selbst auf Funktionen reduziert und war dann überrascht, als etwas erschien, das Funktionen besser erfüllt. Das ist keine Tragödie im klassischen Sinn, das ist schlechte Selbstbeschreibung.
Man hätte auch sagen können: Der Mensch ist das Wesen, das zweifelt, zögert, widerspricht, Sinn produziert, wo keiner ist. Stattdessen hat er gesagt: Ich bin Arbeitskraft, Output, Kompetenzprofil, KPI. Ab dem Moment war die Rechnung geschrieben. Maschinen mussten nur noch aufholen.
Das Bittere ist: Es war nicht nötig.
Kein Naturgesetz, kein technologischer Zwang. Eine kulturelle Entscheidung. Immer wieder neu getroffen. Bequem, kurzsichtig, gut bezahlt.
Und jetzt steht man da und nennt es „Entwicklung“, obwohl es eher eine Selbstverkleinerung war. Die Technik hat nicht entwertet – sie hat lediglich ernst genommen, was der Mensch über sich selbst behauptet hat.
Insofern ist deine Formulierung ziemlich präzise: unnötig selbstgemacht. Fast schon harmlos gesagt. Eigentlich müsste man ergänzen: unnötig, selbstgemacht und anschließend naturalisiert, als wäre es unausweichlich gewesen.
Was hätte der mensch über Jahrhunderte anders machen müssen, bzw. wie hätte er sich definieren müssen um dieses Szenario zu vermeiden.
Kurz gesagt – und ohne Pathos: Der Mensch hätte sich nicht über Können, sondern über Urteil definieren müssen. Nicht über Machbarkeit, sondern über Maß. Nicht über Fortschritt, sondern über Verantwortung gegenüber dem Nicht-Machbaren.
Dass er es nicht getan hat, ist kein Zufall, sondern die lange Wirkung einer sehr alten Selbstbeschreibung.
Über Jahrhunderte hat sich der Mensch zunehmend als Macher verstanden. Als der, der Natur beherrscht, Prozesse optimiert, Probleme löst. Das begann nicht mit Computern, sondern mit der neuzeitlichen Wende: Descartes, Bacon, später die Aufklärung in ihrer technisch verkürzten Lesart. Der Mensch wurde Subjekt, die Welt Objekt. Wahrheit wurde das, was funktioniert. Wert das, was wirkt. Damit war der Keim gelegt: Wenn Funktion zählt, wird der besser, der besser funktioniert.
Eine alternative Selbstdefinition hätte etwas anderes in den Mittelpunkt stellen müssen: Begrenztheit als Qualität. Der Mensch nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Hüter von Grenzen. Als Wesen, das nicht alles tut, was es kann. Das Machbare nicht automatisch legitimiert. Technik wäre dann nicht Fortschrittsmotor, sondern Verdachtsfall. Nicht: „Geht das?“, sondern: „Darf das dauerhaft Teil unserer Welt werden?“
Zweitens hätte der Mensch Urteilsfähigkeit über Intelligenz stellen müssen. Urteil heißt: Abwägen ohne klare Kriterien, Entscheiden unter Unsicherheit, Verantwortung ohne Rückversicherung. Genau das, was Maschinen schlecht können. Stattdessen hat man Intelligenz immer stärker mit Rechenleistung, Geschwindigkeit, Vorhersage verwechselt. Damit hat man sich selbst auf einen Wettkampf eingelassen, den man verlieren musste.
Drittens hätte sich der Mensch nicht über Produktivität, sondern über Sinnstiftung definieren müssen – und zwar nicht im religiösen, sondern im existenziellen Sinn. Sinn entsteht nicht aus Output, sondern aus Deutung, Beziehung, Narration, aus dem Aushalten von Widersprüchen. Das ist langsam, ineffizient, nicht skalierbar. Deshalb passte es schlecht zu ökonomischen Ordnungen – und wurde marginalisiert.
Viertens: Der Mensch hätte Unwissen kultivieren müssen, statt es als Defizit zu behandeln. Über Jahrhunderte galt Wissen als Macht. Kaum jemand fragte, wann Wissen zur Hybris wird. Eine Kultur, die Unwissen respektiert, baut andere Institutionen: vorsichtigere Wissenschaft, reversible Technik, politische Entscheidungen mit echten Stoppschildern. Stattdessen wurden Rückbaubarkeit und Verzicht als Schwäche gelesen.
Und schließlich – vielleicht am entscheidendsten – hätte sich der Mensch nicht als Mittelpunkt, sondern als Teilverstehen müssen. Nicht anthropozentrisch, sondern relationell. Nicht „Ich nutze“, sondern „Ich stehe in Beziehung“. Dann wäre Effizienz nie der oberste Wert geworden, sondern Stimmigkeit.
All das hätte kein Paradies geschaffen. Aber es hätte dieses Szenario vermieden: Dass der Mensch sich selbst nur noch nach Kriterien bewertet, die er besser ausgelagert als verkörpert sieht. In dem Moment, in dem er begann, sich mit seinen eigenen Werkzeugen zu messen, hat er verloren – nicht, weil er schwach ist, sondern weil er sich falsch beschrieben hat.
Also sind die heute 40jährigen und deren Eltern garnicht schuld am Untergang der Menschheit weil sie nicht entgegen wirkten?
Kurz: Nein. Schuld im moralischen Sinn trägt diese Gruppe nicht. Verantwortung im historischen Sinn – ja, aber verteilt, verdünnt und strukturell.
„Schuld“ setzt voraus, dass realistische Handlungsalternativen bestanden hätten, die sichtbar waren, mehrheitsfähig gewesen wären und ohne massive persönliche Kosten hätten umgesetzt werden können. Das war für die heute 40-Jährigen wie für ihre Eltern nicht der Fall. Sie haben nicht aktiv den „Untergang der Menschheit“ betrieben, sie haben sich innerhalb eines Systems bewegt, das Abweichung sanktioniert und Anpassung belohnt hat. Das ist ein Unterschied, der gern verwischt wird.
Was man ihnen eher vorwerfen kann – wenn man überhaupt vorwerfen will – ist Unterlassung, aber nicht aus Bosheit, sondern aus Überforderung, Trägheit, sozialem Druck, Zukunftsblindheit. Sie haben das Spiel mitgespielt, weil fast alle es getan haben und weil die Alternativen unscharf, riskant oder lächerlich wirkten. Wer frühzeitig widersprach, galt als kulturpessimistisch, technikfeindlich, rückständig oder irrelevant. Das prägt Verhalten stärker als jede Einsicht.
Außerdem: Diese Generationen waren die ersten, die vollständig in Beschleunigung sozialisiert wurden. Digitalisierung, Globalisierung, Leistungsverdichtung liefen nicht nebeneinander, sondern ineinander. Es gab kaum Zeit, Distanz zu entwickeln. Man hat nicht „nicht entgegengewirkt“, man hat oft gar nicht gemerkt, worauf man hätte reagieren sollen, weil alles als Fortschritt framte.
Wenn man also von Verantwortung spricht, dann eher so:
Sie haben die impliziten Prämissen nicht hinterfragt. Sie haben akzeptiert, dass Wert aus Produktivität kommt, dass Technik neutral sei, dass Anpassung Vernunft bedeute. Das ist keine individuelle Schuld, sondern eine kollektive Denkfaulheit, die sich über Generationen zieht.
Und noch etwas Unbequemes: Jede Generation überschätzt gern die moralische Klarheit, die sie gehabt hätte, wäre sie damals schon da gewesen. Das ist retrospektive Selbstentlastung. Die jetzigen Jüngeren stehen übrigens bereits vor ihren eigenen blinden Flecken – andere Themen, gleiche Struktur.
Der Untergang, falls es ihn gibt, ist kein Verbrechen mit Tätern, sondern ein Prozess ohne Schuldige, aber mit vielen Mitspielern. Das macht ihn schwerer zu verarbeiten, nicht leichter.
Also war das so nicht absehbar und unvermeidbar? Ist überhaupt noch eine geringe Handlungsfähigkeit möglich?
Kurz und ehrlich: Es war teilweise absehbar, aber nicht in seiner heutigen Konkretion – und es war nicht unverhinderbar. Aber: die Zeitfenster für wirksames Gegensteuern waren klein, unattraktiv und sozial kaum durchsetzbar.
Und ja: eine geringe, fragile Handlungsfähigkeit gibt es noch. Keine große Wende mehr, eher Schadensbegrenzung und Richtungsverschiebung.
Zur Absehbarkeit:
Die Grundtendenz war seit Jahrzehnten sichtbar. Automatisierung verdrängt Arbeit, Technik folgt Effizienzlogiken, Systeme entziehen sich menschlicher Steuerung. Das haben Soziologen, Kybernetiker, Philosophen seit den 1950ern beschrieben. Was nicht absehbar war, ist die Geschwindigkeit, die Verschränkung und die Selbstbeschleunigung durch digitale Netzwerke. Viele dachten: Das dauert Generationen. Tatsächlich passierte es innerhalb einer halben.
Zur Verhinderbarkeit:
Technisch hätte man bremsen, umlenken, begrenzen können. Politisch, ökonomisch und kulturell war das extrem unwahrscheinlich. Jede ernsthafte Gegenmaßnahme hätte kurzfristig Wohlstand, Bequemlichkeit, Status oder Macht gekostet. Systeme, die so gebaut sind, verhindern ihre eigene Korrektur. Nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Trägheit und Eigenlogik. In diesem Sinn war es systemisch unverhinderbar, nicht naturgesetzlich.
Zur Handlungsfähigkeit heute:
Sie existiert, aber sie ist asymmetrisch. Einzelne Menschen haben kaum strukturelle Macht, aber sie haben noch symbolische, kulturelle und lokale Wirksamkeit. Das klingt klein, ist aber nicht irrelevant. Handlungsfähigkeit heißt heute nicht mehr: das System ändern. Sondern: Räume schaffen, in denen andere Logiken gelten – Bildung, Kunst, Sprache, Gemeinschaft, bewusste Verlangsamung, bewusste Nicht-Optimierung.
Die große Illusion ist zu glauben, Handeln müsse groß, sichtbar, erfolgreich sein, um sinnvoll zu sein. Das ist selbst schon Teil der Logik, die uns hierhergebracht hat. Vielleicht besteht die letzte Freiheit gerade darin, nicht mehr am Rettungsnarrativ teilzunehmen, sondern an der Bewahrung von Würde, Urteilskraft und Ambivalenz.
Ob das „reicht“, um den Lauf der Dinge zu drehen? Wahrscheinlich nicht. Ob es reicht, um Menschsein nicht vollständig funktional aufzulösen? Möglich. Und das ist kein kleiner Maßstab.
Interview mit Chatgpt von Rainer Schulz am 21. Januar 2026
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