Menschen. Das ungelöste Rätsel. Und so bleibt es. Viele verwechseln. Andere wiederum verwechseln nichts, oder bewusst. Manche Menschen öffnen sich, andere nicht. Menschen können sich verweigern, sich verstellen, sich bereit fühlen, ihr Ego kühlen, das und vieles mehr können Menschen. In dieser Vielschichtigkeit liegt vielleicht bereits das eigentliche Rätsel: Der Mensch ist nicht eindeutig, sondern wandelbar, situationsabhängig, geprägt von eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Maßstäben.
Das ist für manche Menschen spannend, oder zumindest eine Weile lang, für andere anstrengend, wenn sie sich zu sehr befassen. Denn wer sich intensiv mit Menschen auseinandersetzt, begegnet nicht nur dem Gegenüber, sondern auch sich selbst.
Menschen sind dann uninteressant, wenn man das für sich beschließt. Manchmal einfach so, weil man nicht will, manchmal weil nichts erwidert wird, aber meistens, weil man von Menschen enttäuscht wird. Enttäuschung entsteht jedoch selten nur im Anderen. Sie entsteht dort, wo Erwartungen, Hoffnungen und eigene Maßstäbe auf eine Realität treffen, die ihnen nicht entspricht.
Diese Enttäuschung entgegenzunehmen ist immer dem geschuldet, dass man zu viel gibt, hineininterpretiert, vielleicht auch Ideale erschafft, die der andere nicht erfüllen kann oder will. Psychologisch betrachtet ist es oft die Projektion eigener Wünsche auf den Anderen, die später zur Ernüchterung führt.
Wer Menschen von außen anschaut, sozusagen global neutral, der kommt nicht in derlei Entscheidungsmechanismen. Distanz reduziert Bewertung. Neutralität schützt vor Verletzung, aber sie schafft auch Abstand.
Man kann also wählen, wie man damit umgeht. Man kann die Entscheidungen anpassen oder alles ganz lassen. Vielleicht ist man am besten dran, wenn man mit sich umzugehen bereit ist, sich selbst braucht, ohne andere dadurch zu gleichgültig zu behandeln. Hier liegt ein philosophischer Kern: Zwischen Bindung und Autonomie, zwischen Erwartung und Akzeptanz, entscheidet sich, wie sehr uns andere erschüttern können. Wer sich selbst als Grundlage nimmt, reduziert die Abhängigkeit von äußerer Bestätigung.
Letztlich ist es egal – oder es scheint so. Das eigene Luftschiff ist es, das den Überblick schaffen kann. Vielleicht hat man zu wenig Gas mit, dann steigt man nicht. Dieses Luftschiff ist das Bewusstsein, die Fähigkeit zur Reflexion. Reicht die innere Kraft, erhebt man sich über unmittelbare Kränkungen und erkennt Muster statt Einzelfälle. Fehlt sie, bleibt man im Kreislauf aus Hoffnung und Enttäuschung gefangen.
Zurück zum Menschen. Ich habe mich stets enttäuschen lassen, weil der Mensch immer enttäuscht, früher oder später. Das passiert dann, wenn er nicht den eigenen Maßstäben genügt. Doch vielleicht enttäuscht nicht der Mensch an sich, sondern das Bild, das man sich von ihm gemacht hat.
Daran zu arbeiten führt zu einer progressiven Sichtweise, die den Menschen sichtbar macht – nicht als Ideal oder Gegner, sondern als das, was er ist: widersprüchlich, begrenzt, frei und zugleich geprägt.
So bleibt der Mensch ein Rätsel. Nicht, weil er unverständlich ist, sondern weil er sich ständig zwischen Nähe und Distanz, Erwartung und Realität, Selbstbild und Fremdbild bewegt. Wer das anerkennt, sieht klarer – nicht nur den Anderen, sondern auch sich selbst.
Rainer Schulz Feb.26
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