Bilateral könnte der Eindruck entstehen, man denke eindimensional. Doch sobald ein anderer hinschaut, verschieben sich die Linien. Neue Sichtachsen entstehen, ganz von selbst – wie Schatten, die sich mit dem Licht bewegen. Eine zweite Meinung? Vielleicht klug. Vielleicht überbewertet. Jedenfalls unbequem, denn zwei Meinungen ergeben eine Auswahl. Und auswählen bedeutet: entscheiden. Entscheidung erzeugt Druck, Druck erzeugt Stress – und Stress will niemand. Außer den wenigen, die Stress brauchen, um sich spüren zu können, die ihr Ego wie einen Preis aufs Podium heben.
Also bleiben wir lieber bei uns. Bei unserer Meinung. Sie ist bequem, bekannt, eingelaufen. Wir verteidigen sie mit Zähnen und Klauen, denn sie gibt uns Halt. Sie gibt uns Recht. Wenigstens uns selbst.
So wohnen wir gedanklich in unserem kleinen Hotel, Zimmer mit Aussicht auf Gewissheit. Die Minibar ist gratis, der Aufzug freundlich, der Liftboy pomadig und schweigsam. Wir fragen ihn nichts. Er fragt nicht zurück.
So lebt es sich gut – denkt man. Denkt man? Ja, was denkt man eigentlich? Und wer denkt da wem was hinterher?
Vielleicht ist das Leben selbst ein Gast, der nie wirklich eincheckt, sondern immer nur durch die Lobby streift, auf der Suche nach dem Zimmerschlüssel, den es nie verloren hat.
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