23 Oktober 2025

Zeit fließt ab

Die Zeit fließt ab. Zufälle begegnen mir nur noch selten. Schade. Was sollte jetzt noch auf mich fallen, was nicht schon in mir wäre. In mir ist. Das kommt zu mir zurück, heim zu mir, mein Selbst und das, was in der Fremde lag. Bedingungslos nehme ich das Leben an. Meine Art liegt nicht jedem, und jeder hat auch kein Gesicht. Das weiß ich, das weiß ich. Meine Zuflucht, meine Gefahr war da, oft da. Es muss Mut sein, weil es hinter mir keinen Weg mehr gibt. Wie eine Schneespur ist er vergangen, nebelverhangen taste ich mich zu mir hin, weiter. Obwohl mein Sinn sich aus dem Nichts gebiert – das hat selten funktioniert. Schlaftrunken schlafwandle ich nun durch diesen Menschenraum, weil mir nichts übrig bleibt, außer mein Leben zu beenden. So greife ich das Angebot mit meinen beiden Händen, bis alle Wege enden.


Essay:

Die Zeit fließt ab, und mit ihr schwindet die Illusion, dass noch etwas Unerwartetes, etwas Zufälliges auf uns warten könnte. Was nicht längst in uns ist, wird uns auch nicht mehr begegnen. Diese Erkenntnis ist nicht resignativ, sie ist ernüchternd klar. In ihr liegt der Beginn einer Rückkehr, einer Heimkehr zu sich selbst. Alles, was in der Fremde lag, kehrt zurück. Man nimmt das Leben an – nicht weil es tröstet, sondern weil es bleibt. Bedingungslos.

Das Ich im Text erkennt seine Eigenart als Zumutung. Es weiß, dass es nicht jedem liegt und dass auch „jeder kein Gesicht hat“. Eine nüchterne Feststellung, keine Anklage. Zwischen Zuflucht und Gefahr verläuft keine klare Grenze mehr; beides war da, oft gleichzeitig. Die Bewegung nach vorn ist unmöglich geworden – „hinter mir gibt es keinen Weg mehr“. Und so tastet sich das Bewusstsein durch Nebel, durch den Rest des Daseins, wie durch eine Landschaft ohne Orientierung, aber mit stiller Beharrlichkeit.

Das Denken gebiert sich aus dem Nichts, und doch funktioniert es selten. Das ist die Tragik: dass Sinn immer wieder gesucht, aber nie stabil gefunden wird. Schlaftrunken, schlafwandelnd bleibt das Subjekt im Menschenraum, umgeben von anderen, aber abgetrennt durch das Wissen um die eigene Endlichkeit.

Der Gedanke, das Leben zu beenden, ist kein Ruf nach Erlösung, sondern die radikale Konsequenz eines Bewusstseins, das keinen Sinn mehr erwartet. Und doch: gerade dieser Gedanke führt zur Umkehr. Denn das „Angebot“, das hier ergriffen wird, ist das Leben selbst. Nicht das schöne, geordnete, hoffnungsvolle, sondern das nackte, rohe, unausweichliche Leben. Es wird angenommen, bis alle Wege enden – nicht in Verzweiflung, sondern in Anerkennung.

Dieser Text ist eine Meditation über Mut, über das stille Weitergehen, wenn nichts mehr trägt. Er steht zwischen Verlöschen und Erwachen, zwischen dem Ende des Selbstbetrugs und dem Beginn des eigentlichen Lebens.

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