30 März 2026

Weltuntergang

Es ist wieder Zeit für den kollektiven Weltuntergang. Die Menschheit pflegt das wohlige Schaudern vor dem Abgrund und erhebt die aktuelle Sekunde zur ultimativen Katastrophe, als wäre das Leiden eine Erfindung der Neuzeit. Man schreit „Angst“ und meint damit eigentlich nur die eigene, erschrockene Vergesslichkeit darüber, dass vor uns schon Milliarden im Schlamm standen und denselben Himmel verfluchten. Wer heute den Untergang beschwört, tut dies oft mit einer bizarren Form von Eitelkeit – als sei unsere Epoche so besonders, dass sie das Recht gepachtet hätte, die letzte zu sein.

Dabei ist dieser Narzissmus der Apokalypse nichts weiter als eine selektive Amnesie. Wir starren in das mediale Grauen, lassen uns von den Vernichtungsstrategen der Schlagzeilen bespielen und glauben ernsthaft, dass Syrien, Afghanistan oder der Irak „neu“ seien. Es ist eine Beleidigung für die Geschichte, so zu tun, als hätten Dschingis Khan, Napoleon oder die Vernichtungsmaschinerie eines Adolf Hitler weniger Weltuntergang bedeutet. Die Welt ist schon tausendmal untergegangen – in den Schützengräben von Verdun, in den Steppen der Mongolei, in den brennenden Städten des Dreißigjährigen Krieges. Nur damals waren wir nicht dabei, und was wir nicht fühlten, scheint in der Arroganz der Gegenwart nicht existiert zu haben.

Heute wird das Grauen gestreamt und in Echtzeit in die Wohnzimmer projiziert, bis die psychologische Brandmauer nachgibt. Man lässt alles an sich ran, füttert die eigene Panik und übersieht dabei, dass man lediglich ein Statist in einer endlosen Wiederholung ist. Die Welt stirbt nicht erst morgen; sie befindet sich in einem permanenten Zustand des Zerfalls und des Werdens. Sie hat den Burenkrieg überstanden, den Genozid in Ruanda und das mörderische Beben des 20. Jahrhunderts. Dass sie sich heute für uns so „einzigartig schlimm“ anfühlt, liegt nur an der Gnade unserer späten Geburt und der Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand der Zeit zu blicken.

Der Schritt zurück, den das Alter oder die bittere Erfahrung anbietet, ist daher kein Zeichen von Schwäche, sondern die einzige logische Antwort auf diesen Lärm. Es ist die Verweigerung, sich in die Reihe derer einzustellen, die ihre eigene Überforderung für eine historische Singularität halten. Wer die „immer gleichen Lieder“ erkennt, die schon so oft gesungen wurden, gewinnt eine kühle Distanz. Man muss nicht mehr jedes Mal mitsterben, wenn die mediale Trommel gerührt wird. Man darf zuschauen, sich umdrehen und erkennen: Die Welt geht unter, ja – so wie sie es schon immer tat, während das Leben trotzdem hartnäckig weiterging.

März26`

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